1970er: Vorbereitet für die Wissensgesellschaft
Am Karnevalsdienstag 1969 beförderte mich ein holländischer Tourist, offensichtlich bei seinen ersten Versuchen auf Skiern, mit einem respektablen Zusammenstoß ins Krankenhaus. „Godverdomme“ war sein Ausruf, während ich den Berg runterrollte. Es stand nun ein längerer Aufenthalt im Krankenhaus auf dem Ereigniszettel.
Jetzt hatte ich erneut zwei Monate lang Zeit, um über mein bisheriges Leben nachzudenken, diesmal mit einem Gipsbein versehen. Im Krankenhaus war es nicht so ganz klar, was nun mit meinem Knie passiert war. Es war geschwollen, und da konnte man auf einer Röntgenaufnahme nichts erkennen, also sparte man diese unnötige Ausgabe.
Meine kleine rote, technologisch überschaubare fahrbare Zukunft beförderte bis zu fünf Schuler*innen aus unserem Dorf wechselweise in die Berufsschule. „Besser schlecht gefahren als gut gelaufen“, lautete die Devise. Meine Benzinkosten wurden durch diesen Sammeltransport gedeckt. Nach der Schule schraubte ich fast täglich am Motor herum, um die Leistung des kleinen roten Fiats immer noch etwas über die 16 PS hinauszutreiben, jedoch fast immer erfolglos.
Die Industriegesellschaft benötigte mehr qualifizierte Facharbeiter, Techniker und Ingenieure, was eine Verbesserung der Bildungsstruktur erforderte. Für die einfachen, unqualifizierten Tätigkeiten gab es mittlerweile genügend Gastarbeiter, mittlerweile „ausländische Arbeitnehmer“ genannt. Investitionen in die Bildung, Einführung eines „Zweiten Bildungsweges“, finanzielle Unterstützung für einkommensschwache Bevölkerungsschichten (BAföG) und mehr Durchlässigkeit im Bildungssystem bildeten die strukturellen Voraussetzungen für das Ziel: „Mehr Bildung für alle“. Bildung war die Ressource der Zukunft, um den Wohlstand abzusichern.
Dass die Siebzigerjahre zu einem Jahrzehnt wurden, in dem wir von unserem eindimensionalen Fortschrittsund Wachstumskurs hatten abbiegen können und auch müssen, war mir und vielen anderen nicht bewusst. Für mich gab es noch keine Informationen oder anschauliche Erklärungen, die gesellschaftliche Probleme oder Veränderungen verdeutlichten. Einzig unser Klassen- und Religionslehrer, Herr Poplutz, brachte als ganz junger Lehrer eine Idee von einer anderen, besseren Welt in den Unterricht ein. Sein Steckenpferd war die Befreiungstheologie Sudamerikas. Diese Theologie machte Anfang der Siebziger die ökonomisch fatale Situation in Lateinamerika und die brutalen Machenschaften der Militärdiktaturen in Brasilien, Chile etc. zum Thema.




