2000er: Mehr Circus gewagt

„Kannst du Martin in die Circus-AG aufnehmen, bei mir in der Kanu-AG geht es gar nicht“, so Kollege Willi, „der kann sich nicht konzentrieren, ist hibbelig und passt nicht ins Team.“ „Na klar, mach ich.“ Martin war in meiner Klasse, und ich hatte einen anderen Eindruck von ihm als Kollege Willi. Mein Eindruck sollte sich Monate später bestätigen.

Mit einer anderen geschichtlichen Wendung hatten Oksana und ich uns weder kennengelernt noch hatte sich eine Freundschaft ergeben. Die Sprache der Artistik setzte angesichts dieser Information für einige Zeit aus, wortlos schauten wir uns an und ahnten, wie groß der „Zufall“ war, dass wir uns gerade zu diesem Zeitpunkt treffen konnten.

Die Globalisierung war auf ein menschliches Mas runtergebrochen. Das „World Wide Web“, seit dem Ende der 1990er-Jahre aktiv, eröffnete nicht nur eine völlig neue Dimension des Konsums, es eröffnete auch eine grenzenlose Kommunikation. So konnten die Anzahl der Mückenstiche und der Geschmack des Essens sowie der extrem süßen Limo nach einer kleinen Anmeldung im Internet-Café, „Cyber“ genannt, nach Hause kommuniziert werden. Tägliche unkomplizierte, direkte Kommunikation begünstigte den Erfolg des Projektes ungemein. Es gab kein „die“ und „wir“, es gab nur ein gemeinsames Programm.

Die Radelitos hatten mit ihrer über 20-jahrigen erfolgreichen Arbeit bewiesen, dass Kulturarbeit auch immer erfolgreiche Bildungsarbeit ist, und Bildung stellt bekanntermaßen den wichtigsten Faktor für die zukünftige Generation dar. Die zukünftige Generation, eigentlich wir alle, stand Ende des Jahrzehnts ungläubig vor der rasant zunehmenden Globalisierung, die noch nicht als solche bezeichnet wurde.